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Prof. Dr. ret. pol. Theodor Heuss (1884- 1963), der 1. Bundespräsident der Bundesrepublik (1949 - 1959), würdigte das Wesen der Lions-Bewegung mit folgenden Worten:

In einer Epoche, wo offenbar fast unvermeidlich so vieles den Normen, dem Gesetz, dem Zwang zu- und untergeordnet erscheint, ist es tröstlich zu wissen, dass der Freiwilligkeit gerade auch in Hilfe und Opfer, als Mit-Verantwortung für den anderen, über die Völker- und Staatsgrenzen hinweg in Form der Lions-Bewegung ein festes Haus und eine rechte Werkstatt erbaut wurde.

 

Richard von Weizäcker:

Unsere Türen sollten offenstehen, wenn angeklopft wird...

Die Bundesrepublik Deutsch­land ist - so sagt es das Grundgesetz - ein demokrati­scher und sozialer Bundesstaat. Unser Staat ist also vor allem auch im sozia­len Bereich zum Handeln verpflichtet. Aber ohne die Beteiligung und die Mithilfe der Bürger ist eine erfolgrei­che Wohlfahrtspflege nicht denkbar. Diese Mithilfe entspricht unserem frei­heitlichen Verständnis vom Staat. Der Bürger soll nicht entmündigt, nicht durch zentral organisierte, allseitige Versorgung in seiner Selbstbestim­mung und seiner Fähigkeit zur Selbst­hilfe geschwächt werden. Einzelne und Gruppen können und sollen ihre Ziele in den Bereich sozialen Wirkens eigenständig einbringen, um Vielfalt und Wahlmöglichkeiten und damit Freiheit zu gewinnen und Verantwor­tung zu praktizieren. Die Achtung vor dem einzelnen und seinem individuellen Entfaltungswillen leitet uns. Was einzelne oder Grup­pen aus eigener Kraft tun können, darf ihnen vom Staat nicht entzogen wer­den. Erst wo der einzelne oder die kleine Einheit überfordert sind, soll der Staat Hilfe leisten.

Hinter diesem Prinzip steht eine alte Erfahrung. Freie Initiative und freie Wohlfahrtsverbände setzen oft ein erstaunliches Maß an schöpferischer Phantasie frei, um soziale Aufgaben zu bewältigen. Es gelingt ihnen am besten, die freiwillige und ehrenamtli­che Mitarbeit von Bürgern zu mobili­sieren.

Gibt es aber ansonsten bei den Bür­gern wirklich so wenig Gemeinsinn, wie man oft hören kann? Ist es wahr, was in Magazinen zu lesen ist, Ge­meinsinn und Selbstlosigkeit lösten hierzulande nur hämische Mitbür­gerglossen aus? Ich deute die Zei­chen ganz anders. Es gibt viele sozia­le Dienste aller Art in der Nachbar­schaft. Junge und Alte sind daran be­teiligt.

Und wenn junge Menschen eine Alter­nativkultur aufbauen, dann folgen sie damit zunächst einmal dem Wunsch jeder neuen Generation, nämlich dem, daß sie ihre Welt selbst in die Hand nehmen wollen und nicht ein­fach Museumswärter einer Welt ihrer Vorfahren sein wollen. Darüber hin­aus aber suchen sie Aufgaben, die ihnen das Leben lohnend machen, die sie spüren lassen, daß sie mensch­lich gebraucht werden. Der Bürger - so sagte mir einer von ihnen - wird versorgt, er wird ent­sorgt, er kann unbesorgt sein. Aber kann er auch genügend mitsorgen, miterleben, mitarbeiten? Solche Fra­gen ernst nehmen, das halte ich für unsere Aufgabe. Sie mögen kritisch gesagt und gefragt sein, aber sie sind positiv zu verstehen. Manche Bürgerbewegung nimmt -vielleicht unbewußt - für einen Staat Stellung, die persönliche Verantwor­tung und mitmenschliche Verbindung nicht überflüssig macht, sondern ermu­tigt. Auch das gehört zur Gemein­wohlaufgabe des Staates. Meine Frau und ich treffen das ganze Jahr über mit vielen Menschen aus allen Teilen des Landes zusammen. Diese Begegnungen sind für uns besonders wichtig. Sie geben uns nicht nur rei­chen Grund zur Dankbarkeit für die herzliche Aufnahme, sondern sie las­sen uns immer wieder Zuversicht ge­winnen. Denn viele Erfahrungen be­stätigen denselben Eindruck. Die meisten unserer Bürger nehmen sich ihrer Mitmenschen an. Sie helfen Nachbarn, den Einsamen oder Pfle­gebedürftigen. Sie finden sich in zahl­reichen Initiativen und Vereinen zu­sammen. Sie sind aktiv in der Selbst­hilfe und in der Zuwendung zum an­deren.

Sie wissen, wie gut es uns geht, zu­mal, wenn sie auf die Not in der Welt blicken. Um so mehr kommt es uns zu, nicht nur die eigene Bequemlichkeit zu suchen, sondern für andere da zu sein. Unsere Türen sollten offenste­hen, wenn angeklopft wird. Der moderne Wohlfahrtsstaat tut sehr viel, um die materiellen Sorgen seiner Bürger zu lindern. In unserer Gesell­schaft läßtsich die staatliche Fürsorge­garantie auch gar nicht ersetzen. Das ist in keiner Weise gering zu achten. Wer im staatlichen Auftrag in der So­zialarbeit tätig ist, verdient unsere vol­le Achtung und Unterstützung. Dennoch bleibt das, was der Staat leisten kann, unvollkommen. Was er leisten kann und was er leistet, entsteht oft aus politischem Streit um den rech­ten Weg.

Der Mensch braucht aber nicht nur die nach dem Gesetz einzufordernde Hil­fe, sondern nicht minder die persönli­che Hilfsbereitschaft, in der sich ein Mensch ganz dem anderen zuwen­det.

Diese Hilfe ist immer ein Geschenk. Man kann sie nicht fordern, aber man kann sie dankbar annehmen, wenn sie einem zuteil wird.

Richard von Weizsäcker Bundespräsident a. D.

 (aus 40 Jahre Lions Clubs Deutschland)

 

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